Säkulare Totenrituale – Buchempfehlung

Waxmann-Verlag

Jane Redlin, Säkulare Totenrituale
Totenehrung, Staatsbegräbnis und private Bestattung in der DDR

Auf den ersten Blick scheint der Titel widersprüchlich. Wie gehen „Totenrituale“, die in der Regel mit kirchlichen Ritualen in Zusammenhang gebracht werden, mit dem Begriff „säkular“ zusammen, der im Gegensatz zur Religion steht. Die als Dissertation erschienene Forschungsarbeit nimmt die Totenehrung in der DDR unter die Lupe, in einem säkularen Gesellschaftssystem, das gewiss nicht als religiös bezeichnet werden kann. Spannend ist der Einblick in die Entwicklung innerhalb der DDR, weil durch die Staatspartei, die „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ eine klare Trennung von Staat und Kirche vorgenommen wurde. Dies führte zu einem beschleunigten Prozess der allgemeinen Entwicklung zur Säkularisierung, wie er auch in der BRD zu beobachten ist.

Die Autorin bringt beide Begriffe zusammen. Das ist möglich aufgrund eines weit gefassten Ritualbegriffs, in der Tradition von Arnold van Gennep, Victor Turner und anderen Ritualforschern. Ritus und Symbol werden als Bausteine des Gesamtsystems kultureller Existenz verstanden. Sie reichen über die Beschreibung religiöser ritueller Praktiken hinaus und sind so geeignet als Verständniskategorien für die politische Kultur und andere Bereiche säkularer Lebenskultur, bis in die Alltagspraxis hinein.

So ist das Buch klar gegliedert. Dem privaten Tod steht der öffentliche Tod gegenüber. Um aufzuzeigen, wie unterschiedlich sich die Totenrituale im privaten Abschiednehmen und in der öffentlichen Inszenierung entwickelt haben, analysiert Redlin anschaulich die verschiedenen Bereiche der Totenehrung anhand konkreter Beispiele. Bei der nationalen Totenehrung und Bestattung in der DDR ist die Analyse unterteilt in Luxemburg-Liebknecht Ehrung, Staatsbegräbnisse und die Begräbnisse von Antifaschisten und verdienten Bürgern.

Redlin kann aufzeigen, dass für diesen öffentlichen Tod ein klares politisches und ästhetisches Konzept vorlag. Mit Hilfe der nationalen Totenehrung legitimierte sich die DDR von Anfang an als politische Größe. Sie verankerte sich historisch im Rückgriff auf den Märtyrerkult um die ermordeten KPD-Führer Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Ernst Thälmann und der Ehrung der Theoretiker des Kommunismus Marx, Engels und Lenin. Die politische Totenehrung vor der Staatsgründung der DDR hatte den Charakter einer antikirchlichen Protestkultur. Mit der Gründung der DDR wurde sie zu einer staatstragenden Herrschaftskultur, deren rituelle Grundstrukturen von höchster Stelle der SED beschlossen wurden. Die Inszenierung von Staatsbegräbnissen diente der politischen Selbstdarstellung.

Auf dem Hintergrund der Ritualtheorie van Genneps verdeutlicht die Autorin, dass die politische Totenehrung in der DDR im Sinne der Funktion eines Übergangsrituals als Stabilisator von instabilen Zuständen innerhalb des Gemeinwesens verstanden werden kann.

Ganz anders der Bereich der privaten säkularen Totenehrung. Die private Bestattung lag dezentralisiert in den Händen der Mitarbeiter des Bestattungs- und Friedhofswesens, die von staatlichen Institutionen angeleitet, koordiniert und kontrolliert wurden. Sie orientierte sich an den Formen einer protestantisch geprägten Bestattungskultur, reduziert um die religiösen Elemente Gemeindegesang und Gebet.

Innerhalb der privaten Totenfeiern zeigt Redlin die Entwicklung hin zu immer reduzierteren Formen auf, bis hin zur den anonymen Massengräbern für Urnen, euphemistisch „Urnengemeinschaftsanlagen“ genannt. Hier wirkten wirtschaftliche Überlegungen der Friedhofsverwaltungen, die ideologische Erklärung der Gemeinschaftsanlagen als „Gemeinschaft im Tod“ und die lebenspraktischen Erwägungen der Menschen aufgrund von Mobilität und veränderter Einstellung zum Tod und zur Bestattungskultur zusammen. Redlin verfolgt die Auswirkungen des Todesverständnisses als naturhaften säkularen Tod auf das Bestattungsritual. Anstelle religiöser Inhalte trat die Würdigung bezogen auf die Lebensleistung des Verstorbenen innerhalb des sozialistischen Staates. Ein eingehender Blick erfolgt auf die Entwicklung der Rednerkultur bei den privaten Feiern. Diese wirkt bis heute in der Gestaltung nichtkirchlicher Feiern durch freie Trauerredner nach. Besonders erhellend sind die Passagen, in denen sie bis in einzelne Formulierung bei Trauerreden, die Anpassung der früheren DDR-Redner an die neue Gesellschaftsform aufzeigt.

Das Buch bietet einen gut gegliederten Überblick über die Forschungen zur Bestattungskultur der DDR. Auf dem Hintergrund soziologischer Ritualtheorien analysiert es schlüssig die Konzeption und die Entwicklung politischer und privater Totenehrung und bildet das vorhandene Forschungsmaterial umfassend ab.

Ganz unabhängig von der Frage nach den Totenritualen, gibt das Buch einen Einblick in die Struktur der Gesellschaft der DDR, die politischen Kultur und in das Alltagsleben der Menschen. Es ist weit mehr als eine Facharbeit zu einem speziellen Forschungsthema. Vielmehr trägt es zur historischen Aufarbeitung bei. Denn mit Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Bestattungskultur der DDR abgelöst von den uneinheitlichen Entwicklungen einer westlichen Umgangsweise mit dem Tod und den Toten. Hier kann es helfen, den eher schleichenden Säkularisierungsprozess in der gesamtdeutschen Bestattungskultur in den Blick zu nehmen.

Autoreninfo
Jane Redlin, Studium der Volkskunde, Völkerkunde und Geschichte in Berlin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin, Dissertation zu säkularen Totenritualen in der DDR. Spezialgebiete: Religion, Ritual-, Fest- und Symbolkultur, aktuelles Forschungsprojekt: Mobilitätstechniken mit Kindern.

Jane Redlin, Säkulare Totenrituale, Totenehrung, Staatsbegräbnis und private Bestattung in der DDR, Münser 2009, Internationale Hochschulschriften Bd. 530, 286 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, broschiert, ISBN 978-3-8309-2194-3, 34,90 EUR

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